Geestemünde (rad). Im Zweifelsfall muss eine Sozialpädagogin nicht nur mit Worten gut sein, sondern auch im Armdrücken. Danach ist selbst bei Rabauken Ruhe im Karton. „Mike sieht gegen mich keine Sonne“, sagt Susanne Carstensen und lacht in die Runde. Wir sind in der Schule. Das Fach heißt „Soziales Lernen“.
Susanne Carstensen gehört zum Betreuungsteam der Immanuel-Kant-Schule, und was sie dort mit Lehrern und Kollegen auf die Beine gestellt hat, ist bisher einmalig in Bremerhaven. „Viele Schüler haben Schwierigkeiten damit, zuzuhören und im Unterricht nicht dazwischen zu reden“, sagt sie. „Andere können sich nicht mitteilen und ihre Gefühle kaum steuern. Beschimpfungen und Gewalt gehören zum Schulalltag.“ Und je weniger Orientierungshilfen die Kinder in den Familien und von ihrer Umwelt bekommen, umso mehr bleiben die Probleme an den Schulen hängen. „Wir mussten etwas tun“, sagt die Sozialpädagogin. Inzwischen gehört das Fach „Soziales Lernen“, so wie Deutsch und Mathe, zum regulären Stundenplan.
Nach einer kurzen Testphase in den Klasse 6 und 7 war das Modell flächendeckend auf die Klassen 5 bis 9 ausgedehnt worden. „Hallo Susanne“: Auf dem Weg in die Klasse wird Susanne Carstensen von allen freundlich gegrüßt. Manche hängen sich auch gerne kurz an ihre Rockzipfel. Die Frau ist beliebt. Auch bei den Bagaluten – obwohl die im Armdrücken keine Sonne sehen.
In der Klasse wird erst einmal die allgemeine Stimmungslage erkundet: „Wir geht es euch heute?“ Zur Antwort können farbige Karten hochgehalten werden. Grün heißt gut, gelb mittelmäßig und rot miserabel. Grün ist klar in der Mehrzahl. Das lässt hoffen, obwohl einige Jungen ganz schön grimmig aus der Wäsche schauen.
Gemeinsam mit den behinderten Kindern einer Kooperationsklasse der Anne-Frank-Schule werden drei kleine Szenen durchgespielt. Da wird gerempelt, Schreibmappen fallen vom Tisch, einer geht zu Boden. Alles unter großem Gelächter, natürlich, ist ja nur Spaß. Kurz vorher, in der Pause, war es kein Spaß. Eine von Schulhoferde schwarze Hose und ein paar schwarze Blicke künden noch davon.
Wer hat sich in den Spielszenen wie verhalten? War das so in Ordnung? Wäre der Streit auch anders zu lösen gewesen? Vielleicht nur ein Missverständnis? Und zack, sind sie genau dort, wo sie hin wollten. „Es geht um realistische Selbsteinschätzung und die Fähigkeit, eine Situation richtig einzuordnen“, sagt Susanne Carstensen. „Wir wollen, dass den Schülern die Folgen ihres Handelns klar werden. Dass sie nicht nur an sich selbst denken und über ihre Gefühle sprechen lernen.“
Sozialpädagogen, Lehrer und die Betreuer der Kooperationsklassen arbeiten dabei eng zusammen. Null-acht-Fünfzehn gibt es nicht. Für jede Klasse wird ein eigenes Programm zusammengestellt. Während es im fünften und sechsten Jahrgang vorrangig um Höflichkeit und gegenseitigen Respekt geht, gewinnen bei den älteren Schülern Themen wie Pubertät und Geschlechterrollen, Sucht und Selbstfindung, Werte und Normen an Bedeutung. In den neunten und zehnten Klassen spielen Bewerbungsgespräche und die Vorbereitung auf den späteren Beruf eine wichtige Rolle.
Als die Schulklingel nach der sechsten Stunde schrillt, fällt die „Fluchtbewegung“ der Schüler deutlich langsamer aus, als nach manch anderen Stunden. Einige verabschieden sich sogar mit Handschlag. „Von heute auf morgen werden wir hier nichts ändern“, sagt Susanne Carstensen, „aber wir haben uns auf den Weg gemacht.“ Andere wollen folgen. Die Schule Am Leher Markt ist bereits am Start.



