Unerhört 101

Erstellt von jens carstensen Am 8, Nov. 2017 Kommentar hinzufügen
powered by WordPress Multibox Plugin v1.3.5

powered by WordPress Multibox Plugin v1.3.5

Konzert: Cello Solo-Programm mit Matthias Lorenz (Dresden)

aus der Reihe “Alte Meister”. Wobei damit nicht die Suiten des Barocken Künstlers Johann Sebastian Bach gemeint sind, die das Repertoire für Cello Solo seit gut 300 jahren überstrahlen, sondern die “Wiederentdeckung” der Solocello-Musik in der Neuen Musik der 60er Jahre.

Im Fokus des Programmes steht der Komponist Helmut Lachenmann. In seiner “Pression” (1969) für Cello Solo werden die klassischen Spielweisen des Cellos in Frage gestellt.

Zur Uraufführung kommt in dieser Reihe auch “Druckpunkt” des in Dresden lebenden Benjamin Schweitzer.

Matthias Lorenz wurde 1964 in Bensheim/Bergstraße geboren, wo er auch seine Kindheit und Jugend verbrachte. Nach dem Zivildienst in der Nähe von Gießen nahm er 1986 sein Cellostudium in Frankfurt am Main bei Prof. Gerhard Mantel auf. Bereits vor Studienbeginn war die Entscheidung gefallen, den Schwerpunkt auf zeitgenössische Musik zu legen. Obwohl es einen solchen Studienschwerpunkt nicht gab, ließ er sich in den Freiräumen, die die Studienordnung bot, realisieren. Kurse u.a. bei Wolfgang Boettcher und Siegfried Palm ergänzten die cellistische Ausbildung. Zudem bedeutet für Matthias Lorenz die Beschäftigung mit Musikwissenschaft stets auch eine wichtige Unterstützung des Cellospielens.

Seit dem Studien-Ende ist er als freischaffender Cellist tätig, hauptsächlich mit zeitgenössischer Musik. Neben die E-Musik – zu der mittlerweile auch Musik mit Live-Elektronik zu rechnen ist – treten dabei immer wieder andere Genres. Randbereiche der Rock- und Popmusik (zusammen mit Albrecht Kunze und Irmin Schmidt), Bühnenmusiken (u.a. für das Frankfurter Ballett), improvisierte Musik. Zu seinem solistischen Spiel sind im Laufe der Zeit zunächst das elole-Klaviertrio, dann auch das ensemble courage hinzugekommen.
Weitere Informationen: http://www.matlorenz.de

Eintritt 10 Euro / erm. 6 Euro

powered by WordPress Multibox Plugin v1.3.5

Programm

Helmut Lachenmann (* 1935)
pression für einen cellisten (1969-70)

Benjamin Schweitzer (* 1973)
drift [1]: The Elements in Review
für violoncello (2017 – Uraufführung)

Pause

Klaus Huber (1924-2017)
TRANSPOSITIO AD INFINITUM
für ein virtuoses Solocello (1976)

Helmut Lachenmann
pression für einen cellisten

1960 komponierte Bernd-Alois Zimmermann die „sonate für cello solo“, die Siegfried Palm im gleichen Jahr uraufführte. Für die Celloliteratur markiert das einen Einschnitt, seitdem haben nahezu alle Komponisten für Cello solo komponiert. Gleich im ersten Jahrzehnt entstand eine Reihe von Stücken, die man mittlerweile als Klassiker bezeichnen kann. Neben Zimmermanns „sonate“ sind dazu „nomos alpha“ von Iannis Xenakis, „Pression“ von Helmut Lachenmann und „Glissées“ von Isang Yun zu rechnen.
Das erste Konzert der Reihe 2014 hat die vier Meisterwerke im Zusammenhang vorgestellt.
In den Folgejahren steht je eines dieser vier Stücke im Mittelpunkt eines Konzertes. Ein Kerngedanke in Form eines Stichwortes oder Mottos für das im Zentrum stehende Stück stellt den doppelten Referenzpunkt dar, an dem sich die Komponisten orientieren sollen, denen für jeweils ein Konzert ein neues Stück für Cello solo in Auftrag gegeben wird, das im Rahmen der Reihe seine Uraufführung erlebt. Zu dem alten und neuen Stück tritt jeweils noch ein bestehendes Werk aus der Zwischenzeit hinzu.
Wie schon bei der Vorgängerreihe „Bach.heute“ ist das Ziel, durch das Programm einen Kontext zu schaffen, der einen veränderten Zugang zu diesen Stücken ermöglicht. Dazu ist vor allem ein genauer Blick auf die Arbeitsweise der Komponisten und auf die Kompositionsweise dieser Werke nötig, nicht nur unter dem Gesichtspunkt, was die Komponisten damals damit erreichen wollten, sondern auch, wie man ein halbes Jahrhundert später die Stücke betrachten könnte.
Das alte Stück wird zum Anfang zunächst unkommentiert erklingen, im Laufe des Konzertes werden dann aber Besonderheiten sowohl dieses Werkes als auch der anderen Stücke und damit auch ihrer Zusammenstellung kommentiert und an Beispielen verdeutlicht.

powered by WordPress Multibox Plugin v1.3.5

Zur Gewinnung einer „strukturellen Semantik“, wie sie mich Mitte der siebziger Jahre (in SENFKORN und SCHATTENBLÄTTER) zentral zu beschäftigen begann, inszenierte ich eine Multiplizierung des Tonhöhenvorrates aus den gegebenen sechs Namens-Tönen durch ziemlich raffinierte, spiralige Transpositionsmethoden, die im Prinzip endlos hätten fort-geführt werden können („transpositio ad infinitum“). Nach dem Erreichen eines „Tonhöhen Kapitals“ von 1111 Tönen brach ich ab. Diese Menge teilte ich in acht etwa gleiche Men-gen auf, aus denen ich acht „Sequenzen“ komponierte, die „so schnell wie möglich“ zu spielen sind. Einerseits die Virtuosität Rostropowitschs, andererseits sein Wunsch, den Kompositionsbeitrag so kurz wie möglich zu halten und drittens meine Absicht, das selbstgesetzte „Wachstumsziel“ so „kurzfristig“ wie möglich zu erreichen, führten zu einem technisch wie musikalisch sehr schwierigen Solostück, welches die Möglichkeiten eines progressiven Lagenspiels mit jenen einer differenzierten, virtuosen Bogentechnik verbindet.
Es kommen sieben Artikulationsformen mit sechs verschiedenen Spielweisen in allen möglichen Kombinationen vor, die sich in achtfach gestuften rhythmischen Geschwindigkeiten (4 : 5 : 6 : 7 : 8 : 9 : 10 : 11) auf vielfältige Weise musikalisieren. Die Gewinnung rhythmischer Motive folgte dabei komplexen Distributionsverfahren, wie ich ähnliche bereits in SENFKORN entwickelt hatte. Das angestrebte Resultat ergab für jede der acht Sequenzen bei gleichem Tempo unterschiedliche Aufführungsdauern, obwohl ihr Tonhöhenvorrat jeweils etwa der gleiche war.
Bei alledem störte mich nachträglich der Umstand, daß in meiner „Hommage à Paul Sacher“ durch das kompositorisch methodische Vorgehen die private Seite meines Verhältnisses zum großen Mäzen der zeitgenössischen Musik ausgeklammert blieb. So assoziierte ich, ausgehend von den Buchstaben des Vornamens „Paul“ eine poetische Thematik von sechs Fragmenten (Einschüben), die eine lyrische (P, L) oder klangfarblich auratische (A, U) Komponente in den Vordergrund rücken, also freier komponiert und somit persönlicher geprägt sind.
P bedeutet: Piano dolce, con espressione; A: Aliquote; U . Untertöne; und L Lento, molto espressivo. (Klaus Huber)

Klaus Huber wurde am 30. November 1924 in Bern geboren. Nach anfänglichem Schuldienst studierte er von 1947 bis 1955 in Zürich Musiktheorie und Komposition bei Willy Burkhardt, 1955/56 schloss sich ein Studienaufenthalt bei Boris Blacher in Berlin an. Von 1973 bis 1990 hat er als Professor für Komposition in Freiburg im Breisgau eine ganze Generation von Komponisten entscheidend geprägt. Er starb 2017 in Perugia.

powered by WordPress Multibox Plugin v1.3.5

Helmut Lachenmann 1935 geboren, entstammt einer musikliebenden Pfarrersfamilie. Er studierte von 1955 bis 1958 an der Musikhochschule Stuttgart bei Johann Nepomuk David Komposition und Klavier. Bei den Darmstädter Ferienkursen 1957 lernte er den italienischen Komponisten Luigi Nono kennen und wurde zwischen 1958 und 1960 sein einziger Schüler; er siedelte deshalb nach Venedig über.
Ab 1960 arbeitet Lachenmann zunächst als freischaffender Komponist und Pianist in München.
Ausgehend von seriellem Komponieren hat er stets nach Wegen gesucht, jenseits einer „schematischen“ Befolgung dieses Kompositions-Handwerkszeuges Gestaltungsspielräume zu öffnen. Die unorthodoxe Verwendung avancierter Kompositionstechniken verband er mit Stoffen humanistischer Religiosität und gesellschaftlichen Engagements. Er verstand sich als Polyphoniker, der die heterogensten Texte, Geräusche, elektronische, vokale und instrumentale Elemente als Mehrstimmigkeit auffasste. Titel wie „JOT, oder Wann kommt der Herr zurück“, „Sonne der Gerechtigkeit“, „Erniedrigt – Geknechtet – Verlassen – Verachtet …“, „Spes contra spem“, „Die Erde bewegt sich auf den Hörnern eines Ochsen“, „Umkehr – im Licht sein“, „Ecce Homines“, „Die Seele muß vom Reittier steigen …“ signalisierten jedem, dass es hier um engagierte, politische Kunst ging. 1990, im Golfkrieg, konnte er die antiarabische Propaganda nicht ertragen, studierte im Pariser „Maison de la Culture Arabe“ arabische Musiktheorie und Tonsysteme, Literatur und Philosophie. Die Stellungnahme zu politischen Fragen waren selbstverständliche Themen seiner Kompositionen.

TRANSPOSITIO AD INFINITUM für ein virtuoses Solocello
Das Stück entstand Anfang 1976 auf Anregung von Mstislaw Rostropowitsch zum siebzigsten Geburtstag Paul Sachers. Die Stücke sind unter dem Titel „12 Hommages à Paul Sacher“ in der Universal Edition, Wien, als bibliophiles Faksimile Album erschienen. Die Tonfolge eS A C H E Re, welche von Benjamin Britten als „Thema Sacher“ ausformuliert auch meinen Komponistenkollegen vorgegeben war, regte mich zu verschiedenen Spekulationen und schließlich zu musikalischen Antworten auf quasi ökonomische Fragen an.

Lehraufträge in und Ulm unterbrach er 1972 für die Leitung eines Kompositionskurses an der Musik-Akademie Basel. Anschließend übernahm er Kompositionsprofessuren in Hannover und bis 2002 in Stuttgart.
Anregungen für seine serielle Kompositionsmethode empfing Lachenmann von Karlheinz Stockhausen während der sogenannten „Kölner Kurse“ und von Luigi Nono, der ihn auf die Probleme der gesellschaftlichen Funktion von Musik aufmerksam machte. Lachenmanns Werk ist einerseits die Auseinandersetzung mit seriellen Techniken und Zufallsmanipulationen, andererseits ein Reflektieren des Selbstverständnisses als freischaffender Komponist. Dies zeigt der Umgang mit Geräuschen als integralem Teil des Klangs, wenn Lachenmann die instrumentalen Möglichkeiten erweitert. Er will den „hörigen“ Hörer von seinen Hörgewohnheiten befreien und ein neues Kompositions- und Hörverständnis entwickeln. Für ihn geht es um die Erweiterung des Musikbegriffs, um dessen Loslösung von einer an Tonalität und Tonhöhen fixierten musikalischen Auffassung, wobei jedes akustische Ereignis zu Musik geformt werden kann.

Pression für einen Cellisten
Verbunden mit der Komposition ist die Prägung des Begriffs der „instrumentalen Musique concrète“. Damit ist eine Musik gemeint, in der die Art der Entstehung und Hervorbringung der Schallereignisse der resultierenden akustischen Eigenschaft gleichwertig wird. Man hört den Schallereignissen an, unter welchen Bedingungen, mit welchen Materialien, mit welcher Energie und gegen welche Widerstände die Aktion ausgeführt wird.
Bei Pression werden Druckverhältnisse bei Klang-Aktionen am Cello abgewandelt und komponiert. Der gewohnte volle „schöne“ Celloton wird dabei zu einem Sonderfall unter verschiedenen Möglichkeiten des Bogendrucks, der Bogenhaltung, der Bogenführung an einer bestimmten Strichstelle, ja der Bogen selbst wird Klangträger, aber auch der Aktionen der manchmal isolierten linken Hand, wie Klopfen oder Reiben und aller Kombinationen beim Zusammenwirken dieser verschiedenen Möglichkeiten.

powered by WordPress Multibox Plugin v1.3.5

Benjamin Schweitzer wurde 1973 in Marburg geboren. Nach einem Vorstudium an der HfM Lübeck studierte er Komposition (bei Wilfried Krätzschmar), Musiktheorie und Dirigieren (bei Christian Kluttig) an der Hochschule für Musik Dresden und bei Paavo Heininen an der Sibelius-Akademie Helsinki. Seit Herbst 2015 studiert er Fennistik an der Universität Greifswald.
Schweitzers Werke werden regelmäßig in ganz Deutschland und im Ausland aufgeführt und gesendet.

Renommierte Institutionen (u.a. Siemens Arts Program, Konzerthaus Berlin, Münchener Biennale) und Interpreten erteilten ihm Kompositionsaufträge.
Neben Lehraufträgen, Vortragstätigkeit und Publikationen zu Themen der Musikästhetik und Analyse erhielt er Einladungen als Dozent zum Kammermusikkurs des Deutschen Musikrates, zur Akademie “Choreographen und Komponisten” der AdK Berlin, zu Jeunesse Moderne und zur Kompositionswerkstatt Weikersheim. Schweitzer war zudem Mitbegründer und bis 2005 künstlerischer Leiter des ensemble courage (Dresden). In der Spielzeit 2016/17 war er Produktionsleiter des Festivals „Nordischer Klang“ in Greifswald.
Schweitzer bekam zahlreiche Auszeichnungen und Förderungen für seine Arbeit, darunter den Förderpreis des Sächsischen Musikbundes 1999 und das Wilfried-Steinbrenner-Stipendium 2009, ein Kompositionsstipendium des Berliner Senats sowie Aufenthaltsstipendien für das Künstlerhaus Stein am Rhein, die “Cité Internationale des Arts“ Paris, das Deutsche Studienzentrum Venedig, den Künstlerhof Schreyahn, das Herrenhaus Edenkoben und die Villa Concordia Bamberg. 2010 wurde er in das EHF-Trustee-Programm der Konrad-Adenauer-Stiftung aufgenommen.
Schweitzer lebt als freischaffender Komponist und Übersetzer aus dem Finnischen in Berlin, seine Werke werden bei Schott Music (Mainz) verlegt.

Drift [I]: The Elements in Review
Die Linguistik hat von der Meereskunde den Begriff der „Drift“ übernommen – als Beschreibung unaufhörlicher Sprachwandelprozesse, die, wie die Eisdrift, dadurch charakterisiert sind, dass bestimmte Teilbereiche einer Sprache sich zirkulär verändern, einige unverändert bleiben und teilweise auch gegenläufige Driftbewegungen in einem Sprachwandelprozess auftreten können.

powered by WordPress Multibox Plugin v1.3.5


(Nordpolare Eisdrift, Quelle: Wikipedia)

Eine intensive wissenschaftliche Befassung mit Sprache hat auch mein Denken über Musik und kompositorische Techniken verändert. Drift [I] ist der Versuch, ein sprachliches Phänomen auf Musik, respektive: auf ein Musikinstrument zu übertragen.
Das Stück arbeitet überwiegend mit stark verlangsamten, teilweise fast unmerklichen und einander oft auch überlagernden Veränderungsprozessen. So wird ein Teilbereich des Instruments – etwa der Abstand zwischen zwei Tonhöhen, der Abstand zwischen Steg und Griffbrett – in minutiöser Langsamkeit immer wieder abgetastet und die klanglichen Veränderungen, die sich aus der Kombination der Prozesse ergeben, wie unter dem Mikroskop betrachtet. Eine Besonderheit ist dabei, dass der Spieler sein Instrument im Laufe der Aufführung minimal verstimmen muss, so dass er sich selbst immer mehr wie auf einer driftenden Eisscholle befindet, weil die Aktion der Greifhand nicht mehr exakt das erwartete Resultat liefert.
Neben diesen langsamen Prozessen finden sich einzelne „ruckartige“ Ereignisse mit größerer Dichte und äußerer Aktion, die sich teils als Auslöser längerer Entwicklungen herausstellen, teils aber auch folgenlose Fremdkörper bleiben – wie eingefrorenes Treibgut im Eis oder Fremdwörter in einer Sprache. (Benjamin Schweitzer)

Herzlichen Dank an den in Frankfurt lebenden Komponisten Friedemann Schmidt-Mechau für die Zusammenstellung der Texte.

powered by WordPress Multibox Plugin v1.3.5

Hinterlass einen Kommentar

Du musst Dich anmelden um einen Kommentar schreiben zu können.